Fukushima 2017 - Der Rest ist Risiko

Von Franz Alt am 08.03.2017 aus www.kontextwochenzeitung.de
Anmerkungen und Markierungen von HF

Erdbeben, Tsunami und Super-GAU: Am 11. März 2011 tobte vor Fukushima-City die Dreifach-Katastrophe. So um die 350.000 Tote aus Hiroshima & Nagasaki haben die angeblich friedliche Nutzung der Kernenergie in Japan nicht aufhalten können. Noch heute sterben Menschen in Japan an den Folgen. HF: Jetzt fahren sie zwei stillgelegte KKWs wieder an - haben sie /wir nix gelernt?

Fukushima im Herbst 2016. Am Bahnhof sehe ich als erstes eine Fotoausstellung über Sonne, Wind, Wasserkraft, Erdwärme und Bioenergie. Bis 2030 will die Region komplett erneuerbar sein. Von hier aus, sagt mir später der Bürgermeister von Fukushima, Kaoru Kobayashi, soll die Erneuerung für das ganze Land ausgehen.

"Warum immer wieder Japan?", frage ich mich. In Hiroshima und Nagasaki war ich schon früher zu Vorträgen eingeladen. Mein Thema: Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter. Jetzt also Fukushima. 1945 waren die ersten Atombomben der Geschichte auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden – 140.000 Soforttote und nochmal mehr als 200.000 Folgetote. Und noch heute bis zu 3.000 Tote durch atomare Verstrahlung, jedes Jahr als Folge von damals, hatte mir der Bürgermeister von Nagasaki früher einmal gesagt.

Der Super-GAU hat Fukushima einen dunklen Ruf beschert. Verdient haben diesen Ruf aber eher der Atomkraftbetreiber Tepco und die japanische Atomlobby – hier "Nuclear Village" genannt. In kaum einem anderen Land war der Glaube an die nukleare Sicherheit so tief verwurzelt wie in Japan, nun ist er ebenso tief erschüttert. Doch Regierung, Atomindustrie und Aufsichtsbehörden spielen die Gefahren für Mensch und Umwelt noch immer herunter.

Dabei hatte Japan vor sechs Jahren Glück im Unglück, weil der Wind vom havarierten AKW aus nicht in Richtung Fukushima-City und auch nicht in Richtung Großraum Tokio wehte, sondern ins Meer hinaus. Spätestens jetzt hätte die Welt lernen können, dass Atomkraft russisches Roulette bedeutet. Jedes Atomkraftwerk ist ein Anschlag auf die Schöpfung. Wie hätten denn im Großraum Tokio um die 50 Millionen Menschen evakuiert werden sollen?

Das Restrisiko kann uns jeden Tag den Rest geben

Jedes AKW hat ein atomares Restrisiko. Das habe ich erst 1986 nach Tschernobyl gelernt, vom Chef der dortigen Aufräumarbeiten, Professor Wladimir Tschernousenko. Wie er so war auch ich als damals braves CDU-Mitglied für die "friedliche" Nutzung der Nuklearenergie. Erst durch den sowjetischen Super-GAU war der glühende Anhänger der Atomkraft vom Saulus zum Paulus geworden. Er wurde, von Michail Gorbatschow berufen, im zerstörten AKW in Tschernobyl verstrahlt und wusste, dass er bald an Krebs sterben würde. Ihn fragte ich in einer ARD-Sendung: "Aber die deutschen AKW sind doch die sichersten der Welt?" – "Das stimmt", war seine Antwort, "aber wissen Sie, was das heißt? Sie werden etwas später explodieren. Es gibt weltweit kein einziges 100 prozentig sicheres AKW. Es heißt atomares Restrisiko, weil es uns jeden Tag den Rest geben kann."

Als Folge der Nuklearkatastrophe von 2011 mussten damals 180 000 Menschen, die im 20-Kilometer-Umkreis der Fukushima-Blöcke lebten, umgesiedelt werden. Nur knapp die Hälfte konnte bis heute zurückkehren. Erst vor wenigen Tagen wurde am havarierten Reaktor in Fukushima die höchste radioaktive Strahlendosis gemessen – 650 Sievert pro Stunde. Viele Junge sind für immer weggezogen. Nach meinem Vortrag in Fukushima-City sagte mir der Bürgermeister der Stadt: "Als ich am fünften Jahrestag der Katastrophe am Reaktor war, wurden dort nukleare Strahlenwerte gemessen, die 10 000 mal über den gesetzlichen Grenzwerten liegen. Wenn ich dort hineinginge, wäre ich nach einer Sekunde Asche." Im Sarkophag von Fukushima schlummert noch eine Radioaktivität von etwa 10 000 Hiroshima-Bomben.

Die Fukushima-Schäden werden bisher auf weit über 100 Milliarden Dollar geschätzt. 120 000 Gebäude wurden zerstört. 15 Prozent der Umgesiedelten sind krank, berichten von Angstzuständen, Schuldgefühlen und Depressionen. Und die radioaktive Verseuchung breitet sich noch weiter aus. Das ist die strahlende Zukunft der Atomenergie.

Die Betreiber-Firma Tepco rechnet noch mit weiteren 30 bis 40 Jahren für die Aufräumarbeiten. Sechs Jahre nach der Katastrophe sind täglich bis zu 7000 Menschen im Einsatz, bisher insgesamt um die 50 000. Noch immer sind die geschmolzenen Reaktorkerne nicht gefunden. Die tödliche Strahlung macht eine Annäherung unmöglich.

Niemand kümmert sich um die verstrahlten Arbeiter

Das Schicksal der in Fukushima eingesetzten Helfer ist eine Tragödie. Überwiegend werden Arbeitslose, Obdachlose und Hilfsarbeiter rekrutiert. Ihre Einsätze sind wegen der hohen Strahlenbelastung oft nur kurz. Danach werden sie entlassen. Obwohl ihnen die hundert- bis hundertfünfzigfache Strahlendosis gegenüber der offiziell zugelassenen zugemutet wurde, kümmert sich niemand um sie. Insider berichten, dass viele kurz nach ihrem Einsatz krank werden und sterben. Offiziell werden diese Krankheits- und Todesfälle bestritten. Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind jedoch um 20 bis 30 mal höher als vor der Reaktorkatastrophe oder als in nichtverstrahlten Regionen Japans, erzählt mir ein Arzt.

Ein Forscherteam von Greenpeace hat 2016 die Folgen der Reaktorkatastrophe in Fukushima zu Wasser und zu Land untersucht. Der Report lässt aufhorchen: Vor allem Süßwasserfische im Mündungsgebiet der Flüsse sind radioaktiv verseucht. Pflanzen an Land nehmen radioaktive Elemente aus dem Boden auf und konzentrieren sie. Pollen aus der japanischen Sicheltanne sind stark mit Cäsium belastet. Bei Tieren und Pflanzen treten Mutationen auf.

Doch Japans Ministerpräsident Shinzo Abe sagt: "Die Lage ist unter Kontrolle." Anderes kann er kaum sagen, denn er will die 51 noch immer stillgelegten AKW wieder ans Netz bringen, auch wenn zwischen 70 und 80 Prozent der Japaner heute dagegen sind. Dass die Atomenergie auch in Japan problemlos zu ersetzen ist, zeigt ein Blick auf die derzeitige Stromerzeugung: nur noch 0,9 Prozent des japanischen Stroms werden zurzeit aus drei Atomkraftwerken geliefert.

Beim Stromsparen haben die Japaner in den letzten sechs Jahren eine beeindruckende Leistung des Gemeinsinns vollbracht: Der Strom von 13 AKW wurde schlicht eingespart, und Solaranlagen ersetzen während der sommerlichen Stromlastspitze bereits mehr als zehn AKW. Allmählich kommt auch die Windenergie in Fahrt. Bei der "1. World Conference Community Power" im letzten November spreche ich am Abend mit dem Bürgermeister von Fukushima und stelle den Zusammenhang zwischen ziviler und militärischer Atomnutzung her, den Zusammenhang zwischen Hiroshima, Nagasaki und Fukushima. Gerade die Japaner wissen, dass es keine Atombomben geben kann ohne den Stoff, den ein AKW produziert.

Viel Zustimmung bekomme ich für diesen Satz: "Ohne AKW keine Atombombe." Und solange es Atombomben gibt, besteht die Gefahr von Atomkriegen. Ein Atomkrieg wäre der letzte Krieg in der Geschichte der Menschheit. Denn danach gäbe es keine Menschen mehr, die noch Kriege führen könnten. In Japan wird dieser Zusammenhang besser verstanden als sonst wo auf der Welt. Hiroshima, Nagasaki, Fukushima – Wenn wir überleben wollen, werden wir ein elftes Gebot lernen müssen: Du sollst den Kern nicht spalten!
 

Franz Alt, Jahrgang 1938, studierte Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie und Theologie. Er engagiert sich seit vielen Jahren für ökologisches Wirtschaften. Die Bücher des früheren SWR-Journalisten (bis 2003) wurden in zwölf Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von zwei Millionen.


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